No More Pain:
Gemeinschaften sind der Schlüssel zu Veränderung

Gastbeitrag von Nice Nailantei Leng’ete

Mit acht Jahren musste ich von zu Hause weglaufen, um der schmerzhaften Praktik der weiblichen Genitalverstümmelung, auch FGM (Female Genital Mutilation), zu entfliehen.

In meiner Massai-Gemeinde stellt die Genitalverstümmelung den Übergang von Mädchensein zum Frausein dar. Trotz des jungen Alters müssen die Mädchen in der Folge die Schule verlassen, werden verheiratet und gründen eine Familie. Obwohl ich mit Schlägen bestraft wurde und man mir klarmachte, dass jedes Mädchen das Ritual über sich ergehen lassen muss, habe ich mich gewehrt. Nach vielen Diskussionen konnte ich meinen Großvater, einen Maasai-Ältesten, davon überzeugen, mich vor der Beschneidung zu bewahren und stattdessen weiter den Schulbesuch zu ermöglichen.

Leider ist mein Erfolg im Vergleich zu den Hunderttausenden erschütternden Erfahrungen von Frauen und Mädchen, die eine traumatische Genitalverstümmelung erfahren haben, nur ein kleiner. Betroffene Frauen leiden weiterhin an den lebenslangen Folgen der Verstümmelung, wie zum Beispiel Geburtsschwierigkeiten oder Unfruchtbarkeit.

Weltweit sind schätzungsweise 200 Millionen Frauen und Mädchen von einer Genitalverstümmelung betroffen. Jedes Jahr sind 3 Millionen Mädchen gefährdet, sich dieser Praktik unterziehen zu müssen. In meiner Gemeinde ist die Beschneidung  direkt mit der Heiratsfähigkeit verbunden und wird typischerweise bei jungen Mädchen unter 15 Jahren durchgeführt.

Die Verstümmelung führt zu vielen medizinischen Komplikationen. Unter anderem führt sie zu extremen Schmerzen, unverhältnismäßigen Blutungen, Infektionen und manchmal dem Tod. Diese Praktik ist eine Verletzung der Menschenrechte und setzt den Teufelskreis der Geschlechterungleichheit fort, den die Welt bis 2030 beenden will (das Ziel der nachhaltigen Entwicklung 5: globale Gleichheit erreichen und so Frauen und Mädchen stärken). Die nachhaltige Auseinandersetzung mit der Thematik hat das weltweite Bewusstsein der negativen Auswirkungen der weiblichen Genitalverstümmelung geschärft. Insbesondere in den letzten zehn Jahren konnten Gemeinden, Regierungen und internationalen Organisationen zunehmend für das Thema sensibilisiert werden.

Dank der Aufmerksamkeit, ist die weibliche Genitalverstümmelung in den meisten Ländern der Welt heutzutage strafbar. In Kenia, Uganda und Guinea riskieren die Täter teilweise eine lebenslange Haftstrafe.

Rechtliche und politische Interventionen allein sind jedoch keine ausreichende Abschreckung. Die Bescheidung ist ein wichtiges kulturelles Ritual, welches nur durch die Einbeziehung der gesamten Gemeinschaft – Älteste, Eltern, Jungen, Mädchen und politische Führer – angegangen werden kann.

In meiner Arbeit mit Amref Health Africa haben wir bewusst die kulturellen ‚Gatekeeper‘ (Hüter der Kultur)  in die Bemühungen miteinbezogen. Dieses Modell ist erfolgreich und könnte für die weltweite Beendigung von FGM wegweisend sein. Wir müssen verstehen, dass die Gemeinden aktiv mit einbezogen werden und Initiative ergreifen müssen, um einen nachhaltigen und anhaltenden Wandel zu schaffen.

Mit dem Verständnis für die kulturelle Bedeutung des Übergangs, schaffen die Gemeinden neue Rituale, ohne FGM und frühe Heirat. Alternative Übergangsrituale, auch Alternative Rites of Passage (ARP), bieten den Gemeinden mehrtägige Trainings zu den Risiken der Beschneidung an und formen gleichermaßen das Bewusstsein und die gemeinsame Entscheidung, FGM abzuschaffen. Die neuen Rituale kombinieren eine traditionelle Zeremonie mit Aufklärung zu reproduktiver und sexueller Gesundheit und fördern zudem die Schulbildung der Mädchen.

Nach weniger als einem Jahrzehnt haben bereits mehr als 16.000 Mädchen der Maasai und Samburu in Kenia und Tansania die alternativen Übergangsrituale gefeiert. Dies wäre ohne die kulturellen Entscheidungsträger und Vermittler der der Gemeinden nicht möglich gewesen.

Trotz einiger bedeutender Meilensteine, bleibt viel zu tun. Das ARP-Modell ist ein überzeugendes Beispiel dafür, was wir erreichen können, wenn wir die Gemeinschaften dazu befähigen, die Beendigung von FGM selbst in die Hand zu nehmen. Gemeinsam können wir weibliche Genitalverstümmelung in Afrika bis 2030 beenden.

Nice Nailantei Leng’ete ist die weltweite ‚End FGM / C‘-Botschafterin von Amref Health Africa und ein Vorbild für viele Mädchen und ihre Gemeinden. Frau Leng’ete wurde in der TIME 100-Liste der einflussreichsten Menschen der Welt aufgenommen.